Was haben Sie bis jetzt für einen Eindruck von der FES?
Man sieht, dass es hier eine Corporate Identity, eine gemeinsame „DNA“ gibt. Ich finde es auch klasse, dass Schulleiter und Lehrer sich duzen. Ich habe das immer mit meinen Studenten gemacht. Auch wenn das viele kritisieren und meinen, dass da kein Respektsverhältnis entstehen könnte, ist das nicht meine Erfahrung. Ich finde auch die christliche Orientierung der FES sehr gut. Ich selbst war auch mal Sprecher einer evangelischen Studentengemeinde, aber das ist schon lange her.
Sie waren über 30 Jahre Professor, man kennt ihre Bücher aus Studium und Referendariat. Hat sich Ihre Theorie weiterentwickelt?
Ja und nein. Ich war dreieinhalb Jahre Lehrer und hatte eine Grundschulklasse. Die Idee der Handlungsorientierung habe ich damals ausprobiert und diese begeistert mich noch heute. Das ist geblieben. Solche Projekte wie die Fahrt nach Auschwitz, die Herr Windisch mit seinen Schülern gerade unternommen hat, finde ich da vorbildhaft. Das ist lebensnahes Lernen, das nachhaltige Effekte hat.
Funktioniert das an allen Schularten? Man muss für jede Schulform ein bisschen zuspitzen.
Ich habe ja ein Buch geschrieben, die „zehn Merkmale guten Unterrichts“. Die zehn Punkte, die ich dort erläutere, können in jeder Lernsituation mit Gewinn angewandt werden. Ich habe zum Beispiel mal an einem (sehr langweiligen) Gottesdienst teilgenommen und still in meiner Bank versucht, in Gedanken die Predigt anhand meiner zehn Merkmale zu verbessern. Eine Bekannte hat sogar schon Chorproben anhand dieser Liste erfolgreich durchgeführt. (lacht)
Was sagen Sie zur neuen Hatty-Studie, wo es ja vor allem um den Lehrer und die Lehrerpersönlichkeit geht?
John Hatty war vor einigen Monaten auch bei uns an der Universität Oldenburg und hat über seine Ergebnisse referiert. Ich denke, man muss sehr aufpassen mit seinen durchschnittlichen Effizienzwerten verschiedener Unterrichtsmethoden und dem, was sie aussagen können. Zum Beispiel gibt es ja an der FES Grundschule altersgemischte Lerngruppen (sog. Kombiklassen, die Redaktion) – Hatty sagt: Das bringt nichts. Aber so pauschal kann man das nicht sagen. Man kann es ja auch besser machen! Auch muss man genau schauen, was da untersucht wurde. In vielen Ländern wurde z.B. das jahrgangsübergreifende Lernen eingeführt, weil die Schülerzahlen sanken und man Klassen zusammenlegen musste. Weder standen die Lehrer dahinter noch gab es pädagogische Konzepte. Die schlechten Lernergebnisse, die aus dieser Planlosigkeit flossen, hat Hatty gemessen. Wenn Lehrer ein Konzept und Leiter eine Vision von „Kombiklassen“ haben, kann das sehr gut gelingen.
An der Realschule ist ein neuer Trend im Kommen: Individuelles Lernen. Was sagen Sie dazu?
Dieses Konzept hat die Konferenz der Kultusminister fast zur Schuldoktrin erhoben. In einigen Bundesländern gibt es bereits ein „Recht auf Individualisiertes Lernen“. Ich bin für ein Drei-Säulenmodell von Unterricht: Frontale Instruktion, Individueller und Kooperativer Unterricht müssen neben einander stehen. Eine „Monokultur“ bringt nichts. In ihrem Leitbild steht ja drin, dass sie das grandios machen. (lacht) Nun ist Papier ja geduldig. Aber als Theoretiker sage ich, alles auf eine Karte zu setzen, ist purer Unsinn. Auch wenn die Kultusminister das anders sehen. Schulen sind gegründet worden, damit man gemeinsam lernen kann. Sonst könnten die Kinder ja auch zuhause vor dem Computer sitzen. Mein Fazit: Die Mischung macht’s.
Charissa Harnisch